Nachdem nun erneut deutsche Soldaten auf dem „Kriegsschauplatz“ am Hindukush ihr Leben lassen mussten, kehrt das ohnehin allzeit leidige Thema „Afghanistan“ zurück in den Focus der deutschen Medien.
Und es sind wieder die gleichen Fragen, die gestellt werden:
Warum befinden sich dort deutsche Soldaten? Herrscht Krieg? Wer ist unser Gegner? Gibt es eine Abzugsperspektive? Die Fülle der Fragen erschwert den Umgang mit diesem strittigen Auslandeinsatz immens und wer kurze Antworten auf derart komplizierte Fragestellungen erwartet, irrt gewaltig.
War nun die deutsche Sicherheitslage tatsächlich durch die Situation in Afghanistan gefährdet?
Allerdings.
Ist sie es immer noch?
Äußerst fraglich. Die Terrorgruppe Al-Quaida hat längst neue oder altbewährte Länder, wie Jemen, Sudan oder Somalia, aufgesucht.
Und die Taliban?
Ist diese Bezeichnung zu einem Sammelbegriff für diverse Widerstandsgruppen geworden, die durch Stammesfürsten mit lokal begrenzter Macht oder Drogenbarone angeführt werden, oder sind die Taliban nach wie vor eine geschlossene Gruppierung? Jedenfalls ist erkennbar, dass sich der Widerstand gegen die „Besatzungsmacht“ in den letzten Monaten verändert hat– er ist strukturierter und zielgerichteter geworden– insgesamt also durchaus militärisch. Doch logischerweise ist nicht jeder Aufständische zugleich Taliban oder Terrorist, der die internationale Sicherheit gefährdet. Man spricht sogar schon von „Taliban auf Zeit“.
Doch warum sind wir nun dort, wenn es dort keine nennenswerte Ansammlung von Terroristen mehr gibt? Um die Einhaltung der Menschenrechte zu gewährleisten?
Nun ja, diese Argumentation kann traurigerweise nicht allzu ernstgenommen werden, da sich die internationale Gemeinschaft in diesem Zusammenhang großer Beliebigkeit erfreut. Menschenrechtsverletzungen sind in unzähligen weiteren Staaten an der Tagesordnung, gegen die nicht im Auftrag der Vereinten Nationen vorgegangen wird.
Sind wir nun also dort, um dem Staatszerfall entgegenzuwirken und um sogenanntes „nation building“ zu betreiben?
Seit geraumer Zeit ist das geographische Gebilde, was umgangssprachlich „Afghanistan“ genannt wird, eine stark instabile Region. Diese Instabilität kommt sowohl von innen als auch von außen.
„Afghanistan“ mit seinen 26 Millionen Einwohnern ist ethnisch und religiös gespalten. Folglich bilden sie keine kulturelle Einheit, was gemeinhin ein Grund oder vielmehr eine Voraussetzung für eine Staatenbildung ist.
Neben den Paschtunen und Tadschiken, die zusammen etwa zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen, gibt es noch etliche mehr oder weniger große Ethnien, die vor allem sunnitisch oder schiitisch geprägt sind. Demzufolge gibt es auch mehrere Sprachen, die neben den beiden Hauptsprachen gebräuchlich sind.
Nach vielen Versuchen, eine zentralistische Ordnung zu etablieren, liegt auch heute noch die Macht bei den zahlreichen Stammesfürsten und Warlords und nicht bei der umstrittenen Regierung Karzai in Kabul.
Großmächte wie Großbritannien oder die Sowjetunion, die in der Vergangenheit Versuche unternahmen, dort Wurzeln zu schlagen, sind allesamt an der Heterogenität Afghanistans gescheitert. Nach den Theorien des Militärtheoretikers Carl von Clausewitz (1780–1831) waren jene Staaten mit den Afghanen (wenn man so will) im Krieg. Laut Clausewitz handelt es sich um einen „Akt der Anwendung physischer Gewalt“, wenn der eigene Wille einem fremden Staat aufgezwungen werden soll. Krieg ist somit ein Mittel zum Zweck.
Herrscht nun Krieg, der den Zweck hat Frieden zu schaffen oder die internationale Sicherheit zu gewährleisten?
Gleichviel. Der juristisch wohl vor allem für die dort stationierten Soldaten bedeutsame Umgang mit dem Begriff „Krieg“ ändert keinesfalls die konkrete Situation der Bundeswehr im bereits „irakisierten Afghanistan“.
Hier kündigt sich bereits die Frage nach einer angemessenen Ausrüstung und Ausbildung der Soldaten an.
Ist die Bundeswehr in der misslichen Lage einen Krieg mit gebundenen Händen gewinnen zu müssen?
Wer weiß…
Jedenfalls leidet die Afghanistan-Diskussion angesichts des teilweise polemischen und populistischen Klimas insbesondere bezüglich einer Abzugsperspektive an mangelndem Realismus, was von selbsternannten Experten und der politischen Linke egoistisch ausgenutzt wird.
Es wird wohl unmöglich sein eine Demokratie westlichen Vorbilds zu schaffen und man wird sich auch in Anbetracht der historischen Erfahrungen mit regionalen Teilerfolgen begnügen müssen. Dennoch müssen auch geostrategische Überlegungen beachtet werden, denn ein endgültiger Verlust Afghanistans würde die ohnehin fragile Lage in Zentral– und Südasien weiter destabilisieren und neues Gefahrenpotential schaffen. Neben dem Terrorismus sei auf die Gefahr des Drogenhandels hingewiesen.
Wie dem auch sei– es ist schade, dass ein derart wichtiges Thema nur durch aktuelle Anlässe, ähnlich wie irgendwelche Staubwolken oder Erdbeben, kurzzeitig von den Medien aufgegriffen wird und sich wenig später in Luft auflöst. So bleibt eine sachliche Diskussion unmöglich und es besteht die Gefahr, dahingestellt wie man zu dem Einsatz steht, dass der notwendige Respekt vor den in Afghanistan stationierten Soldaten verloren geht
Insgesamt ist die Afghanistandebatte lange Zeit mit mangelnder Offenheit, auch seitens der Politik, geführt worden – vielleicht verschafft Herr zu Guttenberg Abhilfe.

