Marie Sophie Nuhn 9G1

Advent.

Die wohl schönste Zeit des Jahres.

Süße Pullis und kuschelige Mützen, flauschige Schals und warme Schuhe, kalter Wind und klare Nächte. Die perfekte Zeit, um wieder gemütliche Stunden mit den Liebsten zu verbringen.

Träumend schlendere ich über den Weihnachtsmarkt. Allein. Ohne dich. Der Duft von gebrannten Mandeln steigt mir in die Nase. Ich lächle und schließe die Augen. Die Stimmen um mich herum verdumpfen. Ich kann auch ohne dich. Ich habe es dir immer gesagt. Langsam öffne ich meine Augen wieder. Ich blicke in eine gemütlich wuselnde Menschenmenge. Dort drüben, ein Pärchen, welches sich über eine Zuckerwatte hermacht. Sie stellen sich an die Seite und er beginnt sie mit mundgroßen Stücken zu füttern. Sie lässt es sich gefallen, strahlt ihn an. Ein kurzer Blick, ein Kuss.

Advent.

Das hätten wir sein können. Ein Schleier von leichter Trauer zieht über mein Gesicht. Denk nicht an ihn, denk nicht an ihn, denk nicht an ihn. Bemitleide ihn! Er hat dich stehen lassen, er wird es bereuen, bereuen, bereuen, bereuen. Ein dumpfes „Plopp“. Die Popkornmaschine neben mir läuft auf Hochturen. Ich bleibe stehen, sehe den Körnern neben mir zu, wie sie sich verwandeln. Ein Gefühl von Wärme durchzieht meinen ganzen Körper und ich gehe wieder mit einem Grinsen im Gesicht weiter. Weihnachtliche Musik erfüllt die Nacht mit ihren schönen Klängen, ich sollte sie genießen, doch in meinem Kopf sehe ich nur dich. Die Erinnerungen verblassen. Langsam. Ich sehe dein Lächeln, fühle deine Hände, wie sie meine streicheln. Höre deine Stimme meinen Namen flüstern… Geh aus meinem Kopf!

Mein Kopf fällt in meinen Nacken und ich schaue zum Himmel, sehe die Sterne. Ich versuche sie zu zählen, doch es sind zu viele. Fühle mich geborgen, fühle mich bewacht, fühle mich allein, inmitten all dieser Menschen. Leere. Trance. Es wirkt plötzlich alles so unwirklich. Die weichen Töne der Musik ändern sich schlagartig zu betrunkenem Gegröle. Die Glühweinstände. Erschöpft blicke ich durch die Menschenmasse. Es ist alles wie in Zeitlupe. Ist denn hier niemand? Ist hier niemand, der mich sieht? Ein plötzlicher Stoß, das Gefühl von heißer Flüssigkeit auf meiner Haut, ein harter Aufprall auf den Boden. Ich schließe meine Augen, sehe nichts mehr, höre nichts mehr, spüre nichts mehr… Ich liege einfach nur da. Menschen trampeln auf mir rum. Ob ich mir das alles nur einbilde? Ich weiß es nicht. Dein Parfum. Warum rieche ich dein Parfum? Ich versuche mich nicht zu bewegen, will den Duft nicht verlieren. Erinnerungen. Du im Bad, wie du dich fertig machst. An diesem Tag sind wir zusammen mit deiner Familie essen gegangen… Auf einmal packen mich zwei Hände. Mein Herz fängt an zu rasen. Meine Gedanken verschwimmen. Adrenalin! War da jemand? War da jemand, der mich sah? Ich spüre einen Ruck. Langsam öffne ich meine Augen. Mir bleibt die Luft weg. Ich sehe einen Engel, ich werde keinen Namen nennen. Er hält mich in seinen Armen wie eine Prinzessin. Und es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Ein Film spielt sich vor meinem inneren Auge ab. Er war immer für mich da gewesen. Ich hatte es nur nie bemerkt. Er hatte es mir immer sofort angesehen, wenn etwas nicht stimmte. Alles habe ich ihm erzählt. Alles über uns. Er hatte mich getröstet. Er sah mich. Auch dieses Mal.

Mit großen Augen sieht er mich jetzt an. Wir sprechen nichts. Unsere Körper sind da, auf dem Weihnachtsmarkt. Zwischen hektischen Bewegungen, Gelächter und blinkenden Lichtern. In diesem Moment gibt es nur noch uns. Vorsichtig lässt er mich runter. Kein Moment verlieren sich unsere Augen. Was dein Mund nicht spricht, werden deine Augen mir sagen. So sagt man. Hand in Hand gehen wir langsam los. Ich glaube, wir schweben. Er gibt mir Zuckerwatte. Er weiß genau das ich Zuckerwatte liebe. Ein kurzer Blick. Ein Kuss.

Advent.

 

„Weihnachtsmarkt Rostock“ von AndyH.2012 lizensiert unter (CC BY‐NC‐ND 2.0)